Spinnen die Mystiker?

 

 

 

 

Skulptur von Bernini: Mystische Erfahrung der Theresa v. Avila.

 

 

 

 

 

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 1 

Relevanz und Kernthesen

 

◙ Relevanz: Gering für einen selbst,

da das Phänomen sehr selten ist.

Andererseits hochrelevant, da es um alles geht.

 

◙ Kernthesen: s. 2!

 

 

 

 

 

 2 

Mystik-Essay

 

Phänomen

Leider ist Mystik noch stark von Vorurteilen belastet.

Für Skeptiker ist dieses Thema ziemlich weit weg.

Mystik meint eine außergewöhnliche, emotional-ganzheitliche

Form religiöser Erfahrung, die unsere gängigen

Verstehens-Kategorien sprengt. Sie wird in sämtlichen

Epochen und Kulturen überliefert, ist aber selten.

(Ich selbst zähle nicht zu den Privilegierten.)

Ich behaupte, das Phänomen ist real und kein Quatsch.

Die Erfahrung gibt es in vielen Abstufungen in Abhängigkeit

einer gewissen mystischen Empfänglichkeit, die nicht jeder hat.

Wuchtige Vollerfahrungen sind selten.

Vorstufen religiöser Erfahrungen könnten Ganzheits- und

Sinnerfahrungen sein. Kleinere religiöse Erfahrungen glaubt

die Hälfte aller Menschen einmal im Leben erlebt zu haben.

(W. James: The varities of religious experience. 1902).

Im Grunde widerspricht es keinem Naturgesetz,

dass es eine Metaerfahrung gibt, die Intellekt und Sinne

kategorisch übersteigt. Es ist nur ungewohnt

und schwer einzuordnen. Die Voll-Erfahrung ist mehr

als eine graduelle Steigerung der Ganzheitserlebnisse.

Der Mystik – Kenner Sudbrack unterscheidet einen

Binnen - Transzendenz (machbare Bewusstseinserweiterung)

von einer Radikal - Transzendenz (ekstatische Begegnung

mit absolut Anderem). Nur bei Letzterer geschieht ein

Durchbruch nach „oben“. Die Kategorien Raum, Zeit,

Subjekt, Objekt gehen zeitweise verloren. Das damit

einhergehende Gefühl ist mit absolut nichts vergleichbar,

es scheint eine völlig eigenständige Kategorie zu sein.

Die meisten Mystiker beschreiben es als ein Gemisch

aus Furcht und Entzücken – freude-schlotternd,

eine bange Lust, „Verzückung“.

Das erinnert an R. Ottos Definition des Heiligen

als „tremendum et faszinosum“.

Die Intensität ist überwältigend, wuchtig, umhauend.

Es sei, als zerreiße ein Nebel. Absolut evidente Klarheit.

Ein Irrtum völlig ausgeschlossen.

Die Erfahrung spaltet das Leben in zwei Stücke: vorher, nachher.

 

 

Gehalt

Und was ist nun der Gehalt?

Auf diese Frage hin fangen alle Mystiker an zu „faseln“.

Die meisten standen anfangs unter dem Verdacht der Häresie

oder des Irreseins. Leider reizt gerade das Unsagbare zur Rede.

Die meisten Mystiker wählten paradoxe Formulierungen:

 

Leere und Fülle zugleich,

 

das Schweigen hinter dem Schweigen,

 

eine allen Glanz überstrahlende Dunkelheit,

 

Ferne und Nähe zugleich,

 

ein tonloser Ton, ein stilles Geschrei,

 

das Licht des Nichts,

 

eine sich entziehende Anwesenheit,

 

mitten in der Abwesenheit harrt in

unfassbarer Gestalt ein Wartendes.

 

man sei nicht einfach da, sondern im reinen Da.

 

Skeptikern kommt das etwas Da-Da vor:

Nun ja, was soll man davon halten?

Ich vermute, es ist mehr daran, viel mehr.

Wenn das Tao nicht verlacht würde, wäre es nicht das Tao.

Damit sind die Paradoxien aber noch nicht angegangen.

Folgende Anekdote ist erhellend:

Ein Schüler kam zu einem Zen-Meister und sagte:

Meister, du hast mir aufgetragen, leer zu werden.

Jetzt bin ich leer. Was hast du mir jetzt noch zu sagen?

Der Meister ergriff einen Stock,

schlug dem Schüler damit auf den Kopf und sagte:

Jetzt wirf diese Leere weg!

Die hier gemeinte absolute Leere meint das völlige

Wegfallen aller Gegenständlichkeit. Hier sind sämtliche

Gegensätze durchbrochen, auch der von leer und nicht-leer.

Es ist noch davor, völlig außerhalb,

man ist herausgetreten = ek-stare.

Man ist im absoluten Bewusstsein, im nackten Sein

vor allem konkret Daseienden, in der zaunlosen Wirklichkeit.

Wirkung der Mystik: Mystiker bestätigen,

dass sie durch ihre Erfahrung bessere,

gütigere Menschen wurden.

Das ist zwar kein Beweis für einen

erhabenen letzten Grund, aber ein Indiz.

 

 

Würdigung

Mystik ist der transkonfessionelle,

glühende Kern sämtlicher Religionen.

Im Grunde sind Religionen der sekundäre Niederschlag

ursprünglich heftiger mystischer Erfahrung der Religionsstifter.

Solche Erfahrungen sind bedeutsamer für den

Glauben als theoretische Gotteslehre.

Mit Recht wird folgender Satz von K. Rahner oft zitiert:

Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer,

der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.

Man sollte religiöse Erfahrungen viel ernster nehmen.

Sie sind so wichtig, dass die Religionen sie nicht mehr

wie ein im Stich gelassenes Waisenkind in der

Landschaft stehen lassen dürften. Drogeninduzierte religiöse

Erfahrungen sind kein hinreichender Grund,

das Phänomen der Mystik insgesamt abzuwerten.

Im Grunde erhält Mystik als ewig junger Herzschlag

jeder Religion deren vulkanisches Wesen.

Theologie sollte nicht bloß kalte Lava untersuchen,

sondern in den Schlot steigen! Religionen sollten

die Glut immer wieder zum Feuer entfachen.

Mystiker brauchen keine Institution, weil sie unmittelbar

Zugang zur Göttlichkeit haben.

Wenn man sie nach ihrer Religion fragt,

schauen sie wie ein Fragezeichen.

Wer Gott liebt, hat keine Religion außer Gott (Rumi).

Da echte Mystik überkonfessionell ist, wirkt sie innerhalb

ihrer Religion suspekt und subversiv und grausigerweise

sind viele Mystiker auf dem Scheiterhaufen gelandet.

 

 

 

 

  3   Neun Zeugnisse

 

mystischer Erfahrung: 

 

 

 

  1   

Tatjana Goritschewa

Mystik bei Atheisten

Ein Autor fasst ihre Biographie zusammen

 

Tatjana Goritschewa, eine atheistisch erzogene Technikerin

und Philosophiedozentin in Leningrad,

die die erste Frauenbewegung in der Sowjetunion

mitbegründet und bis zu ihrer Ausweisung 1980 unterstützt hat,

fand sozusagen auf dem Weg von Marx über Sartre

zum Yoga und schließlich zu einer christlichen Religiosität.

 Das kam so:

Als Heranwachsende hat sie offensichtlich weder zu ihren Eltern

noch zum eigenen Leben Liebe entwickeln können.

Die Schulbildung und ihr Einsatz als Leiterin einer

kommunistischen Jugendgruppe hatten nur ihren

intellektuellen Ehrgeiz geweckt. Als Studentin schöpfte

sie aus der Lektüre von Nietzsche, Sartre, Camus

und Heidegger Kraft gegen den Anpassungsdruck

des staatlich verordneten Marxismus.

Wie ihre Freunde in den Diskussionszirkeln der

jungen Intelligentsia wollte sie nun ein starker Mensch werden,

der sein Leben frei bestimmt und dessen Sinnlosigkeit aushält.

In Wirklichkeit konnte sie die innere Leere,

ihren intellektuellen Hochmut und die Unfähigkeit,

jemanden zu lieben, nicht ertragen. Sie floh in den Alkohol

und in den Aktionismus. Wir betranken uns in Kellern

und auf Dachböden.

Manchmal brachen wir eine Wohnung auf,

nur um reinzugehen, eine Tasse Kaffee zu trinken

und wieder zu verschwinden. Ein ausschweifendes

sexuelles Leben, mehrere unglückliche Ehen und

Abtreibungen machten sie nur noch ratloser.

Wie Jahresringe wuchsen Wände aus Eis um

mein eigentliches Ich: Ironie, Selbstzufriedenheit,

Snobismus, ein Gefühl der Gleichgültigkeit.

Ein erster Schritt zu einem neuen Leben war für sie die

Hinwendung zu östlicher Philosophie

und vor allem zum Yoga.

Die Yoga-Übungen halfen ihr, nicht mehr ausschließlich

aus dem bewussten Denken, sondern auch aus

bisher verdrängten Kräften des Gefühls zu leben

und sich besser kennenzulernen. Sie entdeckte darin

auch religiös gefärbte Gemütszustände – wahrscheinlich

Gefühle der Versunkenheit und Allverbundenheit.

Doch suchte sie in ihnen nur einen Weg zur Selbststeigerung,

ohne Begegnung, ohne Liebe. Ihre Leere überwand sie,

als sie während einer sogenannten Mantra-Übung

das christliche Vaterunser entdeckte. Bei Mantra-Übungen

wiederholt man still und in Abstimmung mit dem

Ein- und Ausatmen die gleiche Lautverbindung,

sodass sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Reizen

weg auf die innere Wahrnehmung der eigenen

Gefühle und Gedanken verlagert. Man muss wissen,

dass ich bis zu diesem Augenblick noch nie ein Gebet

gesprochen hatte und auch kein einziges Gebet kannte.

Aber da wurde in einem Yogabuch ein christliches Gebet,

und zwar das Vaterunser als Übung vorgeschlagen.

Ich begann, es als Mantra vor mich hinzusagen,

ausdruckslos und automatisch.

Ich sprach es so etwa sechsmal,

und dann wurde ich plötzlich vollständig umgekrempelt.

Ich begriff – nicht etwa mit meinem lächerlichen Verstand,

sondern mit meinem ganzen Wesen –, dass Er existiert.

Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und

alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat,

der aus Liebe Mensch wurde, der gekreuzigte und

auferstandene Gott! ... Das war die wirkliche,

die echte Rettung!

In diesem Augenblick veränderte sich alles in mir.

Fr. Goritschewa erlebte sich, die Mitmenschen

und die Natur in einer für sie neuen positiven Bedeutung:

Ich fing an, die Menschen liebzuhaben.

Ich konnte ihr Leiden verstehen und auch ihre

hohe Bestimmung, ihre Gottesebenbildlichkeit.

Ihr Hochmut schwand und machte dem Verlangen Platz,

Gutes zu tun und den Menschen und Gott zu dienen.

Früher lebte ich, wie viele andere auch, aus der Gier

nach Wissen, Fähigkeiten, Büchern und Freunden.

Ich hatte immer Angst, Zeit zu verlieren.

Aber sie verging teuflisch schnell, jagte dahin wie

eine verrückt gewordene Lokomotive ...

Da geschah meine Bekehrung: Ich fühle mich so wie einst

in den schönsten Augenblicken der Kindheit.

Die Seele ist rein geworden, sie wurde arglos und offen,

sie konnte wieder staunen

und hat ihren Panzer abgeworfen.

Die Welt blickt mich auf neue Weise an, ganz unmittelbar,

sie verwundet und sie macht froh. Welche Freude

und welch helles Licht war da in meinem Herzen?

Aber nicht nur in meinem Inneren, nein, die ganze Welt,

jeder Stein, jede Staude waren von einem

sanften Leuchten überzogen. Die Welt wurde für mich

zum königlichen, hohepriesterlichen Gewand des Herrn.

Wie hatte ich das nur früher übersehen können?

 

  (Bemerkung: Sind mystische Erlebnisse bei Atheisten nicht besonders überzeugend? Worte belegen wenig, in heutigen Zeiten von Fake News noch weniger, Taten aber und veränderter Lebenswandel wirken überzeugend.)

 

 

 

 

 

 2   

 Paul Claudel

(franz. Autor, ca. 1900)

 

So stand es um das unglückliche Kind, das sich am

25. Dezember 1886 in Notre - Dame de Paris begab,

um dort dem Weihnachtshochamt beizuwohnen.

Damals fing ich zu schriftstellern an und hatte die Vorstellung,

ich könnte in den katholischen Zeremonien,

die ich mit dünkelhaftem Dilettantismus betrachtete,

ein geeignetes Reizmittel und den Stoff

für ein paar dekadente Übungen finden.

In dieser Stimmung wohnte ich,

von der Menge gestoßen und gedrückt,

dem Hochamt mit mäßigem Vergnügen bei.

Dann, da ich nichts Besseres zu tun hatte,

kam ich zur Vesper wieder.

Die Knaben der Singschule in weißen Gewändern

sangen gerade, und die Schüler des kleinen Seminars

Saint Nicolas du Chardonnet, die ihnen dabei zur Seite standen,

hatten eben, wie ich später erfuhr, das „Magnificat“ angestimmt.

Ich selbst stand in der Menge in der Nähe

des zweiten Pfeilers am Choranfang,

rechts auf der Seite der Sakristei.

Da nun vollzog sich das Ereignis,

das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte:

In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte.

Ich glaubte mit einer so mächtigen inneren Zustimmung,

mein ganzes Sein wurde geradezu gewaltsam empor gerissen,

ich glaubte mit einer so starken Überzeugung,

mit solch unbeschreiblicher Gewissheit,

dass keinerlei Zweifel auch nur

für den leisesten Zweifel (sic!) offenblieb,

dass von diesem Tage an alle Bücher, alles Klügeln,

alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben

nicht erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten.

Ich hatte plötzlich das durchbohrende Gefühl der Unschuld,

der ewigen Kindschaft Gottes,

einer unaussprechlichen Offenbarung.

Bei dem Versuch, den ich schon öfter angestellt habe,

die Minuten zu rekonstruieren, die diesem

außergewöhnlichen Augenblick folgten,

stoße ich auf eine Reihe von Elementen,

die indessen nur einen einzigen Blitz bildeten,

eine einzige Waffe, deren die göttliche Vorsehung sich bediente,

um endlich das Herz eines armen verzweifelten Kindes

zu treffen und sich den Zugang zu ihm zu verschaffen:

Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben!

Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr!

Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, er ist ein ebenso

persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.

Tränen und Schluchzer überkamen mich, und der

liebliche Gesang des „Adeste“ trug noch

das Seinige zu meiner Erschütterung bei.

Eine recht süße Erschütterung übrigens,

der sich dennoch ein Gefühl des Schauders,

ja beinahe des Schreckens zugesellte!

Denn meine philosophischen Überzeugungen

blieben unangetastet.

Gott achtete ihrer nicht und überließ sie ihrem Schicksal.

Sie zu ändern, sah ich keinen Anlass.

Die katholische Religion kam mir nach wie vor

wie eine Sammlung törichter Anekdoten vor.

 

 

 

 

 

  3  

Karlfried Graf Dürckheim

(deutscher Psychotherapeut, ca. 1930

 

1919 besuchten der 24-Jährige Dürkheim und

seine spätere Frau einen befreundeten Maler.

Im Atelier nimmt Enya von Hattingenberg ein

neben ihr liegendes Buch zur Hand:

Laotses Tao-Te-King und liest den elften Vers vor:

 

Dreißig Speichen treffen die Narbe,

aber das Leere in ihnen erwirkt das Wesen des Rades

aus Ton entstehen Töpfe,

aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes…

 

Und da geschah es: Beim Hören des elften Spruches

schlug der Blitz in mich ein. Der Vorhang zerriss,

und ich war erwacht. Ich hatte ES erfahren.

Alles war und war doch nicht, war diese Welt

und zugleich durchscheinend auf eine andere.

Auch ich selbst war und war zugleich nicht.

War erfüllt, verzaubert, „jenseitig“ und doch ganz hier.

Glücklich und wie ohne Gefühl,

ganz fern und zugleich tief in den Dingen drin.

Ich hatte es erfahren, vernehmlich wie ein Donnerschlag,

lichtklar wie ein Sonnentag, und das,

was war, gänzlich unfassbar.

 

 

 

  

 

  4  

Dr. Bucke

(Kanadischer Psychiater. Aus W. James, ca. 1900, Die Vielfalt religiöser Erfahrung)

 

Kosmisches Bewusstsein ist nicht einfach eine Ausdehnung

oder Erweiterung des selbst-bewussten Geistes,

der uns allen vertraut ist, sondern das zusätzliche Auftreten

einer psychischen Funktion, die von allen,

die der durchschnittliche Mensch besitzt, so verschieden ist,

wie Selbst-Bewusstsein von jeder psychischen Funktion

verschieden ist, die irgendein höheres Tier besitzt.

Das hervorragende Charakteristikum von kosmischem

Bewusstsein ist ein Bewusstsein des Kosmos,

d. h. des Lebens und der Ordnung des Universums.

Gleichzeitig mit dem Bewusstsein des Kosmos tritt eine

intellektuelle Erleuchtung auf,

die für sich alleine ausreichen würde,

das Individuum auf eine neue Ebene der Existenz zu heben –

die ihn fast zum Angehörigen einer neuen Spezies macht.

Dazu kommt ein Zustand moralischer Steigerung,

ein unbeschreibbares Gefühl von Erhebung, Hoheit und Freude

und eine Belebung des moralischen Empfindens,

die genauso auffällig ist und noch wichtiger

als das gesteigerte intellektuelle Vermögen.

Daneben kommt es zu einem Gefühl von Unsterblichkeit,

zu einem Bewusstsein von ewigem Leben,

womit nicht die Überzeugung gemeint ist,

dass man dies einmal erlangen wird, sondern das Bewusstsein,

dass man es schon hat. Ich hatte in einer großen Stadt

den Abend damit zugebracht, mit zwei Freunden

Poesie und Philosophie zu lesen und zu diskutieren.

Wir trennten uns um Mitternacht. Ich hatte eine lange Fahrt

in einer zweiräderigen Droschke zu meiner Unterkunft.

Mein Geist, der noch ganz

unter dem Eindruck der Vorstellungen,

Bilder und Gefühle stand, die die Lektüre und

Unterhaltung geweckt hatten, war friedvoll.

Ich war in einem Zustand ruhigen, fast passiven Genießens,

dachte nichts eigentlich, sondern ließ die Vorstellungen,

Bilder und Gefühle, wie sie gerade kamen, vorbeifließen.

Ganz plötzlich, ohne irgendein Vorzeichen,

fand ich mich in eine flammenfarbene Wolke gehüllt.

Einen Augenblick lang dachte ich an Feuer,

an eine ungeheure Feuersbrunst irgendwo

in der nahe gelegenen großen Stadt; aber dann bemerkte ich,

dass das Feuer in mir war.

Direkt danach überkam mich ein Gefühl von Jubel,

von ungeheurer Freude, begleitet oder unmittelbar gefolgt

von einer intellektuellen Durchlichtung,

die man unmöglich beschreiben kann.

Unter anderem glaubte ich nicht nur, sondern sah,

dass das Universum nicht aus toter Materie besteht,

sondern im Gegenteil eine lebendige Gegenwart ist;

ich wurde mir in mir selbst des ewigen Lebens bewusst.

Es war nicht eine Überzeugung, irgendwann

einmal das ewige Leben zu erlangen, sondern ein Bewusstsein,

das ewige Leben in diesem Augenblick schon zu besitzen.

Ich sah, dass alle Menschen unsterblich sind;

dass die kosmische Ordnung so beschaffen ist,

dass alle Dinge zum Guten jedes einzelnen

und des Ganzen zusammenwirken;

dass das Grundprinzip der Welt, aller Welten, das ist,

was wir Liebe nennen; und dass die Glückseligkeit

jedes einzelnen und des Ganzen

auf lange Sicht gesehen absolut sicher ist.

Die Vision dauerte ein paar Sekunden

und war dann verschwunden,

aber die Erinnerung an sie und das Gefühl

für die Wirklichkeit dessen, was sie lehrte,

hat das Vierteljahrhundert überdauert,

das seitdem vergangen ist.

Ich erkannte, dass mir die Vision die Wahrheit zeigte.

Ich hatte einen Punkt erreicht, von dem aus ich sah,

dass sie wahr sein muss.

Die Anschauung, diese Überzeugung,

ich darf sagen: Dieses Bewusstsein,

habe ich nie wieder verloren,

auch nicht in Phasen tiefster Depression.

 

 

 

 

 

 5  

Mystisches Erlebnis

eines 13-Jährigen

Aus E. Wiesenhütter: „Blick nach drüben“

 

Wir lebten auf dem Poncetschen Weinberge bei Loschwitz,

und mein Vater, der für einige Tage zur Stadt gegangen war,

wurde in der Frühe eines Sonntagmorgens zurückerwartet.

Ihm entgegen zu gehen, machte ich mich auf den Weg.

Wenn man von Loschwitz kommend die Mordgrundbrücke

überschritten hatte, zog sich die Bautzner Straße,

vom weißen Hirsch herabkommend, zwischen Kiefernwald

und hoher Weinbergsmauer hin, über welche

alte Linden und Akazien ragten.

Es bot somit dieser Teil des Weges dem Auge nichts,

als ein gewisses Ausruhen von den hohen Schönheiten

der umliegenden Gegend. Aber ein Sonntagmorgen im Freien

hat auch für dreizehnjährige Knaben seinen Reiz an sich:

Ich atmete mit vollen Zügen die balsamische Luft der Kiefern,

erfreute mich am Gesang der Vögel

und ließ es mir sehr wohl sein in meiner jungen Seele.

Dass ein Junge am freien Sonntagmorgen

gedankenlos im Heidekraut oder sonst wo auf dem Rücken liegt,

diese interessante Situation, die in ähnlicher Weise

jedes Jugendleben reichlich schmückt,

würde mir übrigens gewiss nicht im Gedächtnis geblieben sein,

wenn sie nicht einem der höchsten Genüsse

zum Rahmen gedient hätte, die mir je zuteilgeworden ist.

Mein inhaltloses Träumen ging nämlich in einen

ganz außergewöhnlichen Zustand über,

den ich etwa dem des Hellsehens vergleichen möchte.

Es war, als würde irgendwo ein Schleier abgezogen,

und mein Blick begann das Innere der

Gegenstände zu durchdringen, die mich umgaben.

Der blaue Himmel über mir mit seinen Sommerwölkchen,

die Bäume, Büsche, Gräser, die Vögel in den Zweigen,

die kleinen Käfer, Ameisen und Spinnen am Boden,

ja die anscheinend toten, an der Chaussee angehäuften

Steine, das alles erschien mir in einem neuen,

bis dahin nicht geahnten Werte.

Die ganze Natur war durchsichtig geworden,

sie hatte die Maske abgeworfen. Alles Dunkle, Tote,

Materielle war verschwunden, und die Dinge offenbarten

ihren ewigen Gehalt, als lebendiges Licht und Leben,

und zwar als ganz dasselbe Licht und Leben,

das auch in mir war; es war ein und dasselbe Bewusstsein,

ein und dieselbe Substanz in mir und ihnen.

Ein und dasselbe geistige Band verknüpfte mich mit ihnen,

und sie mit mir, nichts Feindliches,

nichts Fremdes mehr in der ganzen weiten Schöpfung.

Mein Herz erglühte, und ich empfand etwas

von dem Entzücken eines Menschen, der in fremden,

ihm liebgewordenen Gestalten plötzlich

seine leiblichen Geschwister erkennt.

Was Adam fühlen mochte, als er ausrief:

„Das ist Fleisch von meinem Fleisch

und Bein von meinem Bein“ –

ähnliches, nur auf ein höheres Gebiet übertragen,

empfand auch ich jetzt. Ich hätte die ganze Natur

an mein Herz drücken mögen und verlebte Momente

höchsten Entzückens, das kein Wort aussprechen

und keine Feder beschreiben kann,

bis ich durch das Erscheinen

meines Vaters auf dem Wege

gewissermaßen geweckt wurde,

und die alte Decke mir wieder auf die Augen fiel.

 

 

 

 

 

  6  

Blaise Pascal

(sein sog. Memorial, das er auf einen Zettel schrieb und in seinen Mantel einnähte)

 

Jahr der Gnade 1654. Montag, den 23. November,

Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer,

und anderer im Martyrologium.

Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos,

Märtyrer und anderer. Seit ungefähr abends zehneinhalb

bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht.

Feuer. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs,

nicht der Philosophen und Gelehrten.

Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede.

Gott Jesu Christi Deum meum et Deum vestrum.

Dein Gott wird mein Gott sein - Ruth - Vergessen

von der Welt und von allem, außer Gott.

Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, ist er zu finden.

Größe der menschlichen Seele. Gerechter Vater,

die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich.

Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude.

Ich habe mich von ihm getrennt.

Dereliquerunt me fontem aquae vivae.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen.

Möge ich nicht auf ewig von ihm geschieden sein.

Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich,

der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast,

Jesum Christum, erkennen. Jesus Christus!

Jesus Christus! Ich habe mich von ihm getrennt,

ich habe ihn geflohen,

mich losgesagt von ihm, ihn gekreuzigt.

Möge ich nie von ihm geschieden sein.

Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt,

kann man ihn bewahren.

Vollkommene und liebevolle Entsagung. ….

Vollkommene und liebevolle Unterwerfung

unter Jesus Christus und meinen geistlichen Führer.

Ewige Freude für einen Tag geistiger Übung auf Erden.

Non obliviscar sermones tuos. Amen.

 

 

 

 

  7  

Teresa von Avila

(spanische Mystikerin, ca.1550)

 

Es begegnete mir, dass mich plötzlich ein

Gefühl der Gegenwart Gottes überkam,

sodass ich ganz und gar nicht zweifeln konnte,

Er sei in mir oder ich sei ganz in Ihn versenkt.

Dadurch wird die Seele so in Staunen versetzt,

dass sie ganz außer sich zu sein scheint.

Der Wille liebt, das Gedächtnis

scheint mir beinahe verloren,

der Verstand denkt, wie mir scheint, nicht nach,

verliert sich aber auch nicht, sondern ist, wie gesagt,

nur untätig und vor Staunen hingerissen.

 

 

 

 

 

  8  

 Tolstoj

(russischer Autor, ca. 1850)

 

 Ich erinnere mich, wie ich eines Tages im Vorfrühling

allein im Wald war und sich mein Ohr seinen

geheimnisvollen Geräuschen hingab.

Ich lauschte und meine Gedanken gingen zu dem zurück,

was mich in diesen drei Jahren ständig beschäftigt hatte –

zu der Frage nach Gott. Aber die Vorstellung von ihm,

sagte ich, wie kam ich je zu der Vorstellung?

Und beidiesem Gedanken erwachte bei mir

wieder ein froher Zug zum Leben.

Alles wurde in mir lebendig, alles bekam einen Sinn. ...

Warum suche ich weiter, fragte eine Stimme in mir.

Er ist da: Er, ohne den man nicht leben kann.

Gott anzuerkennen und zu lieben, ist ein und dasselbe.

Gott ist das Leben. Also gut! Lebe, suche Gott

und es wird kein Leben außerhalb seiner geben. ...

Danach klärten sich die Dinge in mir

und um mich herum auf, schöner als je,

und das Licht ist niemals ganz geschwunden.

Ich war vorm Selbstmord bewahrt.

Wie genau oder wann der Wandel stattfand,

kann ich nicht sagen. So unmerklich und schrittweise,

wie die Lebenskraft in mir vernichtet worden war

und ich mein geistiges Totenlager erreicht hatte,

so schrittweise und kaum wahrnehmbar

kehrte die Lebensenergie zurück.

Und merkwürdig, diese wiederkehrende

Energie war nichts Neues.

Es war die alte Kraft des Glaubens,

die ich in meiner Jugend hatte, der Glaube,

dass es der einzige Zweck meines Lebens sei,

besser zu werden. Ich gab das Leben

der konventionellen Welt auf, weil ich einsah,

dass es kein Leben war, sondern eine Parodie aufs Leben,

deren Überflüssigkeiten uns schlicht daran hindern,

es zu begreifen.

 

 

 

 

 

 9  

H. Hesse

(deutsch-schweizerischer Autor, ca. 1900)

 

 Ob ich ein Moos, einen Kristall, eine Blume,

einen goldenen Käfer bewundere oder einen Wolkenhimmel,

ein Meer mit den gelassenen Riesen-Atemzügen

seiner Dünungen, einen Schmetterlingsflügel

mit der Ordnung seiner kristallenen Rippen,

dem Schnitt und den farbigen Einfassungen seiner Ränder,

der vielfältigen Schrift und Ornamentik seiner Zeichnung

und unendlichen, süßen, zauberhaft gehauchten

Übergängen und Abtönungen der Farben – jedesmal,

wenn ich mit dem Auge oder mit einem

anderen Körpersinn ein Stück Natur erlebe,

wenn ich von ihm angezogen und bezaubert bin

und mich seinem Dasein und seiner Offenbarung

für einen Augenblick öffne,

dann habe ich in diesem selben Augenblick

die ganze habsüchtige blinde Welt der menschlichen

Notdurft verlassen und vergessen,

und statt zu denken oder zu befehlen,

statt zu erwerben oder auszubeuten,

zu bekämpfen oder zu organisieren,

tue ich für diesen Augenblick nichts anderes

als „erstaunen“ wie Goethe, und mit diesem Erstaunen

bin ich nicht nur Goethes und aller andern Dichter

und Weisen Bruder geworden, nein,

ich bin auch der Bruder alles dessen, was ich bestaune

und als lebendige Welt erlebe: des Falters, des Käfers,

der Wolke, des Flusses und Gebirges,

denn ich bin auf dem Weg des Erstaunens

für einen Augenblick der Welt der Trennungen entlaufen

und in die Welt der Einheit eingetreten,

wo ein Ding und Geschöpf zum andern sagt:

Tat twam asi. („Das bist Du.“)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 4  

Sprüche

 

Die Natur verbirgt Gott! Aber nicht jedem! (J. W. v. Goethe).

 

Mystik ist die Urmutter der Religion, die Urmutter der Kultur (O. Spann).

 

Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen (W. Pauli).

 

Ihr sollt sein wie ein Fenster, durch das Gottes Güte in die Welt hineinleuchten kann (Edith Stein).

 

Sowohl der Physiker als auch der Mystiker wollen ihr Wissen mitteilen, und tun sie dies mit Worten, so sind ihre Aussagen paradox und voll von logischen Widersprüchen. Diese Paradoxa sind charakteristisch für alle mystischen Aussagen von Heraklit bis Castaneda… (F. Capra).

 

Wenn das Tao nicht verlacht würde, wäre es nicht das Tao.

 

Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. (K. Rahner).

 

Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht (Meister Eckhart).

 

Das mystische Ich ist die Erweiterung des mir persönlich zugeordneten offenen Ichs, es ist etwas Pulsierendes, das aufblüht und sich wieder zusammenfaltet. In ihm sind wir durchlässig, wir sind mehr die Empfangenden (H.-P. Duerr).

 

Das Universum ist mehr als die Summe seiner materiellen Teile – die Quantenphysik entdeckt wieder, was die Mystik aller Zeiten immer behauptet hat: Die integrale Rolle des Bewusstseins im sogenannten physikalischen Universum (E. Sens).

 

Das von Sehnsucht erfüllte Herz findet seinen höchsten Frieden, indem es sich mit dem Herzen der Schöpfung vereint (D. Chopra).

 

Der Durchbruch zum göttlichen Licht vollzieht sich meistens in Augenblicken, außerhalb der Meditationszeiten und stets dann, wenn er nicht erwartet wird. Manch einer wird das Erleuchtungserlebnis zum Beispiel ganz plötzlich und unverhofft während dem ruhigen Verweilen in der Natur zuteil. Gerade in dem Augenblick, wo wir entspannt loslassen oder besser – selbst Loslassen geworden sind - wird uns alles geschenkt (W. Kopp).

 

Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen (D. Steindl-Rast).