Glück ?!?

Was ist die Quintessenz von Lebenskunst und Glück?

Was kennzeichnet ein glückliches Leben?

 

Seit 30 Jahren durchforste ich mit nicht nachlassender Begeisterung die Literatur zu dem Thema und komme allmählich zu einem handfesten Fazit. Die Big Five von Lebenskunst und Glück sind nach meiner Einschätzung:

1.  Es ist wirklich das „Gold in der Seele“ und nicht die Kohle im Portemonnaie. Man investiere mehr Zeit in Beziehungen als in Aktiendepots. Nach Sicherung der Grundbedürfnisse (ein Existenz sicherndes Mindesteinkommen ist natürlich nötig) gilt: Statt den äußeren Wohlstand weiter aufzublähen, erblühe man innen. Hyperkonsum ist nur ein Seifenblasenglück und kann globalisiert-ökologisch sogar unsere Lebensgrundlagen zerstören. Woraus besteht das „Seelengold“, das als innere Einstellung wirkt? Es besteht aus a) seelischer Gesundheit, b) Menschlichkeit und c) Spiritualität. Diese drei Bereiche bedingen sich gegenseitig und sind ineinander verschachtelt: Seelische Gesundheit meint konkret Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung, die durch ein positives Beziehungsnetz (= Menschlichkeit) katalysiert wird, in dem reichlich inspirierender Erfahrungsaustausch stattfindet. Das Beziehungsnetz ist dann besonders fruchtbar, wenn es von Wohlwollen und Resonanz getragen wird. Dieses Wohlwollen entspringt aus den zwei anderen Bereichen: Seelisch Gesunde sind sozial kompetent und Spirituelle glauben an die Gutheit des Guten, wodurch sie ihren Egoismus besser überwinden können. Sie spüren Segen von oben und gebe ihn weiter. Alle Glücklichen sind reiche, komplexe Persönlichkeiten, die mit diesen drei Bereichen üppig ausgestattet sind. Die drei Elemente des "Seelengoldes" will ich im Folgenden etwas erläutern:

a) Seelische Gesundheit: Ihr Kernstück ist das Selbstwertgefühl: Es ist unmöglich, glücklich zu sein, wenn man sich meterlang zum Halse heraushängt. Es gilt, sein eigener Freund zu werden. Kein Weg zum Glück kommt daran vorbei. Ca. ein Drittel hatte bei problematischen Eltern eine harte Kindheit und damit schwierige Startbedingungen. Der Weg zum Glück dieses Drittels ist als spezielle Kategorie zu sehen. Über mühsame Nachreifungsprozesse gilt es, die Hintertür zum Glück zu finden. Seelische Gesundheit hebt mit Autonomie und reichlich Selbsterfahrung an (Typologien wie z. B. das Enneagramm können hilfreich sein.) Die Grundfragen sind: Wer bin ich und was will ich jenseits aller Dressur durch Eltern und mediale Gleichschaltung?

b) Menschlichkeit: Miteinander zu handeln, birgt mehr Glück als überdrehtes Konkurrieren. C. Darwin sah Richtiges, aber sein „survival of the fittest“ wurde einseitig interpretiert: Jüngere Untersuchungen belegen: Höhere Säuger sind ursprünglich auf Kooperation angelegt und die Spielarten der Destruktivität resultieren eher aus einer Frustration der sozialen Anlagen. Auf kollektiver Ebene:  Wenn das Glücksstreben der anderen genauso berechtigt ist wie mein eigenes, dann ist das politisch  geeignetste System die Demokratie und zwar die gerechte: Das neoliberale, kapitalistische Wirtschafts- und Finanzsystem ist vermutlich nicht zukunftsfähig, denn es beruht auf unmenschlicher, knallharter Konkurrenz. Füreinander fühlt sich wirklich besser an als gegeneinander – wie schade, dass wir das so selten erleben, dass wir es schon fast für unmöglich halten: Im Team etwas zu erreichen, ist ein seltenes Glück geworden. Bei den meisten ist das Fingerspitzengefühl in die Ellenbogen gerutscht. Das Durchbrechen der spontanen Selbstbevorzugung (nettes Wort für Egoismus) wird auch Selbsttranszendenz genannt, die durchaus noch im eigenen Glücksverlangen gründen kann: Freude machen kann Freude machen.

c) Spiritualität: Die Glücklichen glauben durchweg, dass über Allem ein Segen liegt. Die Existenz von Transzendenz ist erkenntnistheoretisch wackelig, denn nur wenige haben eine religiöse Erfahrung gemacht (Synonyme: mystische Erfahrung, überweltliche Erfahrung, große Seinserfahrung). Durchaus viele können von Sinn- und Ganzheitserlebnissen berichten, aber die ganz große unio mystica sprengt sämtliche Kategorien. Für die Betroffenen ist sie so evident, dass es für andere Menschen lebensklug ist, dem Zeugen Glauben zu schenken und ihn nicht für verrückt zu erklären. Der Glaube an einen letzten Grund oder ein überweltliches Sein ist die höchste Leidenschaft im Menschen, die tiefste Kraft, aus der sich das Leben untergründig nährt. Nichts für Feiglinge: Glaube ist das Sich-Loslassen ins unbegreifliche Geheimnis (K. Rahner).

 

a, b und c formen sich zu Einstellungen, die als Hintergrundressourcen weit über die halbe Miete zum Glück darstellen. Sie bilden den fruchtbaren Boden, durch den Glück als solches voll empfunden wird. Glück lässt sich also nicht allein durch äußere Umstände direkt erzeugen! Dieser Satz ist vom Wichtigsten. Der einfache Beweis für diese zentrale Behauptung ist die Tatsache, dass Mächtige, Erfolgreiche, Schöne und Intelligente nicht wesentlich glücklicher sind als andere. Wir unterstellen das irrigerweise. Zur Gruppe der sehr Reichen gibt es eine interessante Untersuchung: Lottogewinner sind drei Jahre nach dem Gewinn durchgehend unglücklicher als vorher, obwohl noch die halbe „Kohle“ da ist. Meine starke Betonung der inneren Einstellungen braucht nicht bedeuten, dass äußere Umstände nicht auch optimiert werden sollten, aber eben unter Angekoppelt-Bleiben an das „Seelengold“. Hier möchte ich das Kombinationsmodell von H. Ernst (Chefredakteur der Zeitschrift „Psychologie Heute“) erwähnen, der als praktische Lebenskunstregel vorschlägt: Gute Einstellungen werden kombiniert mit erfreulichen Vergnügungen aller Art. M. a. W.: Man lebe das Leben bis zum Anschlag, aber nicht zu hedonistisch, sondern eingebettet in geistig-seelischen Reichtum (= „Seelengold“ als Humus der Weisheit). Wenn sich Wohlstand von Weisheit entfernt, verwandelt er sich in Gift. Als außerordentlich wirksames Werkzeug oder Instrument, um in seiner PE voranzukommen, gilt das Enneagramm, eine recht differenzierte Persönlichkeitstypologie mit 9 Mustern. Wer das Enneagramm kennt, versteht sich selbst (Kap. 15) und seine Mitmenschen (Kap. 16) tiefer. Partnerschafts- (Kap. 13) und Berufs-Konflikte (Kap. 12) werden deutlich besser gelöst.

 

2.  Optimismus als Bereitschaft zu positiven Erfahrungen fehlt in keinem einzigen Glücksbuch. Aus einem verzagten Arsch kann kein fröhlicher Furz kommen (M. Luther). Oder, wie eine östliche Weisheit sagt: Man bewältigt das Leben lächelnd, oder gar nicht.  Beim Optimismus ist der relativ neue Begriff des Glücksfixpunktes wichtig, der auf die happiness-twin-study von D. Lykken zurückgeht: Er untersuchte 1500 eineiige Zwillinge, die trotz verschiedener sozialer Milieus (Trennung durch außergewöhnliche Umstände) verblüffend ähnliche Stimmungslagen zeigten. D. h. unter Normalbedingungen pendelt sich jeder Mensch auf sein individuelles Glücksniveau oder seinen Glücksfixpunkt ein. Ist optimistische Lebenszuversicht also gar nicht lernbar? Wären  Glücksanstrengungen in dieser Richtung nutzlos? Nein, aber sehr viel ist leider nicht möglich. Immerhin kann man sich durch geschickte Glücksschmiede ein bis eineinhalb Punkte auf einer Glücksskala von 1 bis 10 hocharbeiten. Der Durchschnittswert von uns Deutschen lag bei einer Untersuchung bei 6,6. Würden wir uns auf, sagen wir 7,7 hocharbeiten, wäre diese Steigerung durchaus beachtlich.

 

3.  Eros und Freundschaft: Wo bleibt die Liebe? Hier ist sie! Warum steht sie nicht an erster Stelle? Weil sie so selten gelingt und weil der Eros neben großem Glückspotential auch das größte Unglückspotenzial enthält. Eine dauerhaft ziemlich gute erotische Beziehung wird statistisch nur mit ca. 20 % angegeben. Viel ist hier zu lernen, aber der Einsatz lohnt. Wer keinen passenden Partner findet – Fortuna spielt ja mit – sollte einen guten Freundeskreis pflegen.

 

4.  Die 30-Std-Arbeitswoche: Es wird zu wenig gesehen, dass Lebenskunst Zeit und Kraft braucht. Der typisch glückliche Tag für viele ist der, an dem mal nicht allzu viel ansteht und an dem Zeit ist für ein körperliches und geistiges Hobby, in denen das glückliche Flow-Gefühl erfahren werden kann: Hier lässt sich eine Tätigkeit mit Engagement, Herzblut und Leidenschaft so vertiefen, dass man die Zeit vergisst und in einen schwebeartigen Zustand gerät. Der Neurobiologe G. Hüther versichert glaubhaft, dass die positive Emotion der Begeisterung optimal die Potenzialentfaltung ankurbelt. Mit seinem immer öfter zitierten Spruch: Begeisterung ist Dünger für das Gehirn dürfte er in die Psychologiegeschichte eingehen. Zeit für begeisternde Hobbys und auch noch für lästige Erledigungen und eine stille Stunde ermöglicht nur die 30-Std-Arbeitswoche. Das Leben auf eigene Faust muss dann freilich geübt werden. Wenn doch die vielen Arbeitslosen, die fünf Stunden sprachlos vor dem Fernseher verdämmern, einmal die Begeisterung intrinsisch motivierter Tätigkeiten spüren würden! Für den wachen Menschen ist der größte Luxus, Zeit zu haben. Time ist Honey! Ab der Sicherung der Grundbedürfnisse ist Zeitwohlstand wertvoller als Güterwohlstand. Man kann es drehen und wenden wie man will: Die 30-Std-Arbeitswoche ist die formale Voraussetzung für Lebenskunst, denn das ökonomische Gehetzte einer 50-Stundenwoche absorbiert sämtliche Lebenskräfte. Ein starker Satz zur Work-Life-Balance lautet: Man braucht Schnelligkeit, um sich Langsamkeit leisten zu können. Beide Zeitmodi sind also notwendig. Eine zeitraubende, aber äußerst solide Glücksressource ist Bildung, besonders die selbstmotivierte. Warum fällt in der Erwachsenenbildung die Altersgruppe von 35 bis 50 Jahren praktisch aus? In erster Linie aus Zeitmangel.

 

5.  Kleinigkeiten: Statt Großglücksjagd sollten die kleinen Glücksspender kultiviert werden: Aus dem Schwarzbrot des Alltags gilt es, einen wohl garnierten Toast zu machen. In Summe bedeuten die kleinen Freuden mehr Glück als wenige Highlights, die man zwar auch anstreben darf, aber nur locker und geschmeidig. Zum Glück braucht es eigentlich nicht viel: Wenn genug „Seelengold“ da ist, kann banales Fahrradfahren im Park genügen um zu frohlocken, denn vor lauter Selbstoptimierung des Lebens kommen einige gar nicht mehr zum Leben. 

 

Wollte man die Big Five nochmals zusammenfassen: Statt KoKo: PePe, d. h. statt Kohle und Konsum Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung, denn Glück ist eher das Gefühl des Wachsens und der Lebendigkeit als optimierte Außenbedingungen.

 

Ausblick: Das Jammervolle an homo sapiens ist die Diskrepanz zwischen Potenzial und Wirklichkeit. Wie sehr leben wir doch unter unserer Bestform! Bin ich zu ungeduldig? Vielleicht. Bewusstsein ist evolutiv sehr jung. Vorher gab es nur Fressen und Gefressen-Werden. Wir sind mit den Füßen noch im Schlamm, aber mit dem Kopf schon in den Sternen (Else Lasker-Schüler). Als erstes Wesen haben wir begonnen, der Schöpfung etwas abzugewinnen: Ein Lachen, ein Frohlocken: Glück! Das ist groß und viel besser als Abwärtsvergleiche: Durften wir es mit Darwin noch mit dem Affen halten, müssen wir uns in der Genforschung gegen Fadenwürmer und Pantoffeltierchen behaupten. Glück und Lebenskunst haben es verdient, höher aufgehängt zu werden in Erziehung, Bildung, Gesellschaft und Politik. Unbedingt sollte es schon in Schulen gelehrt werden, damit man schon früher im Leben etwas davon hat.

 

Vergessen sie nun ruhig alles, aber nicht dies:        
Statt KoKo: PePe!

 

Viel Glück!    Klaus Pünder


 

Dieser Aufsatz bezieht sich natürlich auf das erst kürzlich im Buchhandel erschiene Skript, für das auf dieser Website u. a. geworben wird:

Autor: Klaus Pünder
Titel: Lebenskunst und Glück
Untertitel: Eine komprimierte und prägnante Einführung
Umfang: 32 S., DIN A4
ISBN: 978-3-86386-563-4                                      7.77 €